Trauer - die heilende Kraft

Trauer und Tod sind in unserer Gesellschaft weitgehend tabuisiert. Sie passen nicht zu einer materialistischen und erfolgsorientierten Lebensweise. Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass Verlust, Abschied, Tod und Trauer uns im Leben häufig begegnen. Immer wieder müssen wir etwas aufgeben oder loslassen, uns von etwas oder jemandem trennen.

Die meisten von uns haben aber den natürlichen Umgang mit Trauer verlernt. Damit unsere nicht gelebte Trauer uns im Lauf der Zeit nicht krank macht, müssen wir wieder lernen, ihr Raum und Ausdruck zu geben. Es ist wichtig, dass wir unsere Trauer nicht verdrängen, sondern durchleben und regelrecht „durchschmerzen“. Denn bewusstes Trauern ist ein heilsamer Prozess, der uns hilft, wieder mit neuer Energie ins Leben zurückzukehren.

Die Phasen der Trauer

Bei der Trauer unterscheidet man mehrere Phasen, die ineinander übergehen und sich wiederholen können. Man unterscheidet eine Schock-, Schmerz- und Heilungsphase. Intensität und Dauer hängen nicht zuletzt von der Enge der Beziehung ab, die der Trauernde zu dem Verstorbenen hatte.

Trauer lässt sich mit Wellen vergleichen. Zuerst kommen die Trauerschübe in jeder Phase wie Wellenberge im Sturm – sehr hoch hinauf und sehr tief hinab, immer wieder hintereinander. Mit der Zeit verlieren sie an Höhe und Länge, bis der Trauernde schon meint, der Sturm wäre vorüber. Aber schon ein einziges Erlebnis oder eine Erinnerung können dazu führen, dass wieder eine „Trauerwelle“ über ihn hereinbricht.

Es kann auch vorkommen, dass ein Mensch in einer der Trauerphasen stecken bleibt. Spätestens dann braucht er Hilfe. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten: professionelle und menschliche Unterstützung findet der Trauernde bei erfahrenen Trauerbegleitern, in Trauergesprächskreisen und bei Trauerseminaren, bei einem Seelsorger, Psychologen oder Psychotherapeuten.

1. Die Schockphase

Die erste Reaktion auf den Tod eines nahe stehenden Menschen ist oftmals geprägt durch ein Gefühl des Geschockt-Seins. Wir wollen es einfach nicht wahrhaben, was passiert ist. Dafür typische Reaktionen können Betäubung, Erstarrung, Unglauben, Abwehr und Leugnen des Todes oder eine Art emotionaler Schockzustand zu sein. Wir sind so fassungslos, dass wir nicht einmal mehr weinen können.

2. Die Phase der aufbrechenden Gefühle

In der auf den ersten Schock folgenden Phase brechen unsere Gefühle durch. Während man anfangs kaum etwas an sich heranlässt, erleben viele jetzt eine Zeit intensiver emotionaler und oft auch körperlicher Schmerzen.

Es kommt zu Weinkrämpfen, Verzweiflung, Aggressivität, Ruhelosigkeit, Angstzuständen, Depressionen oder Schuldgefühlen. Diese Emotionen können sich in schneller Folge abwechseln. Auf Wutausbrüche folgen Depressionen, auf nervöse Anspannung ängstliche Perioden und umgekehrt. Wut und Aggression richten sich oft gegen Verwandte, Freunde oder Ärzte, aber auch gegen den Verstorbenen selbst.

Der Trauernde sehnt sich unablässig nach dem verlorenen Menschen, sucht ihn überall, glaubt, seine Stimme zu hören oder ihn leibhaftig zu sehen. Manchmal haben Trauernde auch das Bedürfnis, Kleidungsstücke des Verstorbenen als Trost bei sich zu haben oder sogar zu tragen. Auch das alles gehört zum natürlichen Durchleben der Trauer und sollte keinesfalls unterdrückt oder belächelt werden!

3. Die Phase des Suchens und Sich-Trennens

In dieser Zeit haben Trauernde manchmal das Gefühl, fast den Verstand zu verlieren. Sie suchen den verlorenen Menschen immer wieder an gemeinsamen Orten oder in vertrauten Situationen und führen leise innere, aber auch laute Zwiegespräche mit ihm.
Die Umwelt reagiert darauf aus Unwissenheit oft mit Unverständnis.

Nach ein paar Monaten kann der Trauernde zwar meist wieder seinen alltäglichen Aufgaben nachgehen, aber er zieht sich oft für eine lange Zeit in seine eigene Welt zurück. Es herrscht weiterhin ein Grundgefühl von Leere und dumpfem Schmerz.

4. Die Phase der Neuorientierung

Nach und nach kommt der trauernde Mensch besser mit dem erlittenen Verlust zurecht. Er beginnt, diesen zu akzeptieren, sich langsam von dem Verstorbenen zu lösen und sein Leben neu zu ordnen. Er findet zunehmend sein inneres Gleichgewicht wieder, auch wenn er wohl nicht mehr derselbe sein wird, der er einmal war. Dafür aber ein anderer.